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Je suis Sarah – oder Ava oder Nila oder

Wir sehen, hören und lesen derzeit überall von den dramatischen Auswirkungen einer vollkommen an die Wand gefahrenen „War on Terror“-Politik der USA, der NATO und der folgsamen deutschen Sicherheits- und Ausbildungskräfte in Afghanistan. Es ist nicht der Fehler der Kräfte vor Ort, das sei hier ausdrücklich gesagt. Die Situation bedrückt unheimlich, man ist erschüttert, ratlos. Und schüttelt den Kopf. Manche gehen über zum nächsten Artikel, schauen die Werbung vor dem nächsten Film, wechseln beim Gespräch das Thema. Denn es ist schwierig, die Bedeutung dieses Versagens näher an sich herankommen zu lassen. Niemand ist dankbar genug dafür, dass wir in einem anderen Land leben, wo es diese Zustände nicht gibt, nicht geben kann, nie geben wird. Hoffen wir es, denn Gefahr hat viele Gesichter. Wir müssen uns nur erinnern.

Ich habe einen Versuch unternommen, und mir für wenige Minuten vorgestellt, wie es wäre, ein afghanisches Mädchen von 13 Jahren zu sein und nun in diesem Scherbenhaufen zu leben, umgeben von Gefahren aller Art. Es soll nicht überall so zugehen, wie in Kabul am Flughafen. Die Meldungen sind unterschiedlich, da wird berichtet von Hinrichtungen, von Frauen, die nun wieder einmal ohne männliche Begleitung nicht mehr auf die Straße dürfen, je nachdem, wo sie leben. Es heißt aber auch, es sei eine neue Art von Alltag eingekehrt, das Leben geht weiter. Die meisten wissen, sie haben keine Chance auszureisen, oder wollen das auch gar nicht, zumindest haben sie den Wunsch begraben.

Nützt mir das als 13-Jährige? Mir gefriert das Blut, ich fühle, wie ich leichenblass werde, denn ich habe bodenlose Angst. Nicht nur das. Ich bin auch fürchterlich wütend, denn ich habe fleißig gelernt in der Schule, habe brav immer alles gemacht, was ich sollte und noch mehr, weil ich es ja zu etwas bringen wollte. Alles kaputt. Vielleicht. Wer weiß? Vielleicht lassen sie es ja zu, dass ich einmal einen Beruf ausüben kann? Arbeiten muss ich ja sowieso, aber ich will doch Geld verdienen. Was wird, wenn ich verheiratet werde. Darf ER mich dann schlagen? Tut ER das?

Lange stelle ich mir das nicht vor. Es geht so schnell, dass da eine Mauer entsteht, Unvorstellbares in meine Vorstellung drängt und ich muss mich verschließen. Der Zustand jetzt dort zu sein, als Mädchen oder junge Frau, ist in meiner Vorstellung ein Trauma, selbst ohne irgendeine Gewalteinwirkung. Das gilt nicht nur für weibliche Personen, es gilt für alle Kinder, die jetzt von Verzweiflung oder Unsicherheit überall in ihrer Umgebung geprägt werden. Es gilt für alle Ortskräfte, die jetzt nicht wissen wohin, wohin alleine und wohin mit einer Familie, die sie doch nur schützen wollen. Es gilt für alle Menschen, die auf vielfältige Weise für eine fortschrittliche Gesellschaft, Demokratie und mehr Gerechtigkeit gekämpft haben, als Journalisten, als NGO-Mitarbeiter, als Lehrer. Sie sitzen in der Falle.

H. Kurz aus Österreich hat schon bekannt gegeben, dass man dort keine weiteren Flüchtlinge aufnehmen wird. Er hat den Anfang gemacht und er und sein Land werden nicht die einzigen sein. Wissen er und seine Befürworter, dass es der „War on Terror“ der USA war, der mittlerweile knapp 40 Millionen Menschen in die Flucht geschlagen hat? (Quelle: Niederlage in Afghanistan: Beginn eines Umdenkens im Westen? | Telepolis (heise.de) Wie kann man denken, die eigene Regierungsform ließe sich einem Land mit völlig anderem kulturellen Hintergrund überstülpen? Wie kann man dann so erbärmlich versagen und dennoch die Konsequenzen nicht tragen: nämlich die aufnehmen, denen man das zu Hause genommen hat. Ich kann eher noch verstehen, wenn die Türkei keine Flüchtlinge mehr aufnimmt, oder der Libanon. Denn beide haben an diesem Desaster keine Schuld. Wie bekommen wir es hin, dass diejenigen, die Schuld tragen, sich nun rechtfertigen müssen? Reicht dazu ein Untersuchungsausschuss? Noch einer, der nicht zu Veränderungen führt? Ratlosigkeit. Davon hab ich eingangs schon geschrieben. Würdelos fällt mir noch ein.

Ulrike Wagner

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