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Ökologisches Versuchslabor und besondere integrative Wohngemeinschaft

Velden. Am Ende des zweistündigen Rundganges durch den Münzinghof fragte der ÖDP-Kreisvorsitzende Norbert Spiegel den Geschäftsführer Michael Taubmann, was er sich von der Politik, von einer ÖDP im Kreistag wünsche. Dieser antwortete, mehr Maß statt sturer Bürokratie und mehr Blick für den Sinn der Gesetze anstatt sich in den Details zu verlieren. Es ist eine ständige Herausforderung, die besondere Wohn- und Lebensform des Münzinghofes immer wieder in Abstimmung mit den gesetzlichen Rahmenbedingungen zu organisieren.

Große Bio-Landwirtschaft mit Käserei, Bäckerei und Gärtnerei

Die 12-köpfige Besuchergruppe aus dem ÖDP-Kreisverband startete den Rundgang im „kleinen Dorf“ am „Haus am Garten“, ein Passivhaus, das speziell für die älter gewordenen Menschen barrierefrei und teilweise rollstuhlgerecht errichtet wurde. Damit zeigt sich ein Beispiel für diesen Musterort mit seiner speziellen Prägung, der in Kooperation mit Behörden und Stiftungen projekt immer einmal wieder bezogen zu einem ökologischen Testlabor wird. Durch ein Blockheizkraftwerk und eine Hackschnitzelheizung wird das gesamte Dorf über ein Nahwärmenetz mit Wärme versorgt. Dabei stammt das Holz fast zur Hälfte aus dem eigenem Wald. Beim Strom will der Münzinghof in absehbarer Zeit 100 % selbst erzeugen. Das soll neben dem vorhandenen BHKW über Solarstrom erreicht werden.

Im Rahmen der Demeter-Landwirtschaft wird versucht, alles notwendige Futter für die Tiere selbst zu erzeugen. Außerdem werden umliegende Flächen im Rahmen der Kultur- und Landschaftspflege-Programme der Bayerischen Staatsregierung gepflegt. Der größte Bereich ist die Milchviehhaltung, deren Milch direkt neben dem Stall in der hofeigenen Käserei zu über 20 verschiedenen Käsesorten verarbeitet wird. Daneben zeigte Michael Taubmann den großzügigen Auslaufbereich der jungen Mastschweine und erklärte ihre Schlafboxen.

Autarkie durch eigene Werkstätten

Von den Werkstätten konnte die Bäckerei bei der Führung nicht mehr besichtig werden, weil sie schon geschlossen hatte. Hier werden Brot und Backwaren aus eigenem Getreide erzeugt und bis nach Nürnberg verkauft. Die große Gärtnerei mit drei Gewächshäusern hat einen Schwerpunkt auf biologischem Gemüseanbau zur Selbstversorgung. Inzwischen zählt sie aber auch in Nordbayern zu den Marktführern für die Zucht von Frühblühern im biologisch-dynamischen Pflanzenbau.

Durch die weiteren Werkstätten wie Schreinerei, Metallbau und Dorfmeisterei wird nicht nur eine weitgehende Autarkie des Münzinghofes erreicht, sondern auch ein guter Teil der Kosten für die schrittweise Sanierung der alten Hofgebäude erwirtschaftet. Die Vogelbeere gGmbH, eine Tochtergesellschaft des Münzinghofes, betreibt in Vorra einen Dorfladen mit Café, um den Menschen vom Münzinghof die Möglichkeit zu geben, sich auf einem Außenarbeitsplatz zu versuchen. Mittlerweile kommen auch 10 Menschen mit Hilfebedarf, die dort nicht wohnen, von außen zum Arbeiten in die Werkstätten an den Münzinghof. 

Besonderes Projekt ist größter Arbeitgeber am Ort

Entstanden ist der Münzinghof aus einer Elterninitiative in Nürnberg, die 1978 den Hof kaufte und nach dem Vorbild einer hessischen Einrichtung diese ungewöhnliche Wohn- und Lebensform im Stil der Anthroposophie aufgebaut hat. Die jungen Menschen mit Behinderung durchlaufen dabei eine zweijährige Zeit der Berufsbildung, bis sie schließlich das für sie passende Arbeitsfeld gefunden haben. Begleitet werden die Bewohner mit besonderem Förderbedarf von einem bunten Team aus hauptamtlichen Hauseltern, Auszubildenden in der Heilerziehungspflege und vielen Praktikanten aus verschiedensten Ländern des Globus. Gleichzeitig hat sich der Münzinghof in der 40-jährigen Geschichte zum größten Arbeitgeber der Stadt Velden entwickelt.

Bei allem Arbeiten wird aber auch die Freizeit nicht vernachlässigt und es werden Ferienfreizeiten angeboten. Die gute Kooperation mit den regionalen Sportvereinen zeigt sich z. B. beim Eisstockschießen, wo die Einrichtung bei den Special Olympics durchaus zur Weltspitze gehört. Ein weiterer Punkt war der Anschluss an den öffentlichen Nahverkehr mit einer Bushaltestelle, die den Bewohner mehr Unabhängigkeit ermöglicht.

Aktuelle Herausforderungen und Zukunftsaufgaben

Zu den großen Baustellen gehört derzeit die Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes, die den Betroffenen zwar mehr Freiheiten ermöglicht, den Einrichtungsträgern aber auch deutlich mehr Bürokratie aufbürdet. Am Beispiel eines passenden Ersatzes für die leistungsfähige, aber nicht mehr den Vorschriften entsprechende Schilfkläranlage zeigte Michael Taubmann die Probleme mit der deutschen Bürokratie anschaulich auf.

Große Chancen für den Mittelstand sieht Taubmann auch in der Auseinandersetzung mit der Gemeinwohlökonomie, auf die ihn Kreisvorsitzender Norbert Spiegel ansprach. Dabei geht es den Münzinghofern nicht um irgendein Zertifikat, sondern die Chancen zur inhaltlichen Weiterentwicklung auch der Teilhabe. Dabei profitiert die Gemeinschaft auch vom guten Rückhalt in der Region, die sich nicht nur bei den Festen, sondern auch bei Krisen, wie beim großen Brand 1992 gezeigt hat.

An Zukunftsprojekten nannte Michael Taubmann neben einer Verbesserung des öffentlichen Nahverkehrs die Mitwirkung an verschiedenen alternativen Ausbildungszweigen, z. B. die freie Ausbildung für Bio-Gärtnerei.

Am Ende des hochinteressanten Rundganges bedankte sich der Stellv. Kreisvorsitzende Walter Stadelmann für die ÖDP-Delegation mit einem kleinen Geschenk bei Geschäftsführer Michael Taubmann für die Führung und interessanten Einblicke. Und er dankte auch der Kreistags-Kandidatin Michaela Janik für die Vermittlung des Kontaktes.


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