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Corona-Schulzeit - Ein ganz persönlicher Blick einer Grundschullehrerin

Am Anfang war ich einverstanden...

Ja, ich kann mich noch gut an die schrecklichen Bilder in den Medien erinnern. Die vielen Särge in Bergamo, USA, England, China usw. brannten sich unlöschbar ins Gedächtnis. Auf Unsicherheit, Ratlosigkeit und Angst folgte die Suche nach Gründen und Auslösern der Krise und die große Hoffnung aus einer Krise wieder gestärkt hervorzugehen. Ja, der erste harte „Lockdown“ war für mich logisch nachvollziehbar. Man wusste noch zu wenig über den Virus und wollte damit eine weitere Verbreitung verhindern. Während dieser Zeit saugte ich sämtliche neue Informationen gierig in mich auf. Die Kenntnisse der Virologen und der tägliche Check der Infektionszahlen bestimmten meine Gedankenwelt. Ich hatte Respekt vor den amtierenden Politikern, die nun wichtige Entscheidungen und Schutzmaßnahmen beschließen mussten. Noch mehr bewunderte ich die vielen Pflegekräfte und Ärzte, die unter Einsatz ihres eigenen Lebens anderen Menschen helfen. Wegen ihnen und den Menschen, die zu den sogenannten Risikogruppen gehören, nahm ich Einschränkungen meiner Freiheit und demokratischen Rechte auf Zeit in Kauf. Bei meinen Schülern spürte ich auch eine große Verunsicherung. Von einem Tag auf den anderen sollten sie sich nun den Unterrichtsstoff selbst zu Hause aneignen. Wir Grundschullehrer versuchten mit ausgeklügelten Wochenplänen, Telefonaten, Mailkontakten, persönlichen Arbeitsmittelzustellungen, Videokonferenzen, Erklärvideos und Notbetreuung diese Lernsituation für unsere Schüler und Eltern so erträglich wie möglich zu gestalten. Der Arbeitsaufwand für die Klassenlehrkräfte und die Eltern war enorm, aber es war ja zeitlich begrenzt – dachte ich. Durchhalten war angesagt. Leider zeigte sich schon in dieser Zeit, dass beim Unterricht auf Distanz ein Teil der Schüler aus unterschiedlichsten Gründen „verloren“ geht. Besonders geärgert hat mich, dass es in den Asylbewerberheimen keinen freien Zugang zum Internet gibt. Wie sollen hier Schüler vernünftig an einer Videokonferenz teilnehmen oder Erklärvideos hochladen können? Geben wir diesen Kindern eine ernsthafte Chance? Wie sollen wir als Lehrer Förderung von benachteiligten Schülern ermöglichen, wenn es an den grundlegenden Voraussetzungen fehlt? Corona deckt hier schonungslos die Defizite unseres Schulsystems auf:

  • Lehrermangel: Aktuell herrscht in der Grundschule eklatanter Lehrermangel. Schon seit zwei Jahren werden hier die Löcher durch Gymnasiallehrer, Lehramtsstudenten oder Pensionäre gestopft. Ältere Kollegen/innen, die schon kurz vor der Rente standen, müssen nun weiter unterrichten, obwohl die Nerven blank liegen. Für Lehrerinnen, die keine Kinder unter 18 mehr haben, wurden die Möglichkeiten für Teilzeitarbeit enorm eingeschränkt und die Möglichkeit von Sabbatjahren entfällt sogar ganz. Wenn du lieber Leser nun denkst, das ist Jammern auf hohem Niveau, möchte ich dir zu bedenken geben, dass ordentlicher und motivierender Unterricht eine hohe Herausforderung an das Lehrpersonal ist, dem nicht jeder gleichermaßen gewachsen ist. In den letzten Jahren sind die Anforderungen an die Grundschullehrer kontinuierlich gestiegen ohne jeglichen Stundenausgleich. So ergibt sich eine durchschnittliche Arbeitszeit von 50 bis 60 Wochenstunden. Dazu kommt die tägliche Frustration, dass es keine nachhaltigen Fördermöglichkeiten für Schüler mit Lernschwierigkeiten gibt. Wollen wir wirklich Schulen mit Lehrer/innen, die ständig über ihr Limit hinausgehen müssen, und Fördermöglichkeiten nur über Nachhilfeinstitute?
  • Platzmangel: Corona zeigte uns schnell die Grenzen der Klassenräume auf. Maximal 15 Schüler konnten in einem Klassenzimmer mit 1,50m Abstand sitzen. Um genügend Luftaustausch zu haben muss alle 30 Minuten gelüftet werden. Wissenschaftliche Studien belegen, dass gutes Lernen viel Bewegung und Freiraum benötigt. Bei Klassenstärken von bis zu 28 Schülern und den derzeitigen Raumgrößen ist der Lernerfolg also grundsätzlich beeinträchtigt.
  • Schülerbeförderungswahnsinn: Wir hatten uns an überfüllte Busse/Bahnen bei Schulbeginn und Schulschluss gewöhnt. Es wurde akzeptiert und nicht mehr viel darüber nachgedacht. Schulschließungen von kleinen Mittelschulen und Grundschulen führen zu einer Zentralisierung von Schulstandorten und große Lernfabriken entstehen. So lässt sich der Schulweg meist nur mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder Elterntaxis bewältigen. Mit Erschrecken stellten wir fest, dass hier die Abstandsregeln undurchführbar sind.
  • Digitalisierungsrückstand: Lange lag auch die Digitalisierung der Schulen brach. Die Förderung der digitalen Medienkompetenz steht zwar im Lehrplan, aber die Umsetzung ohne Internet, ohne Schülergeräte und ohne fundiertes Wissen war/ist kaum möglich. Plötzlich stehen Milliarden für die Digitalisierung an den Schulen bereit. Nur, was man einmal verschlafen hat, lässt sich so schnell nicht aufholen. Durch die erhöhte Nachfrage gab/gibt es lange Wartezeiten für die Schülergeräte und die weitere digitale Ausstattung von Schulen. Dann sind da noch die bürokratischen Hürden, die jede einzelne Schule für sich bewältigen muss. Medienkonzepte müssen erstellt und wieder geändert werden, damit möglichst alle benötigten Geräte förderungskonform sind. Sind die Geräte endlich einsatzbereit, ist die Einarbeitungszeit für die Lehrer/innen ein privates Hobby.

Die Mängelliste unseres Schulsystems ist sicher fortführbar und Vieles hätte mit mehr Umsicht, Voraussicht und Planung vermieden werden können. Allerdings bringen uns Vorwürfe nicht weiter. Wir müssen jetzt nachhaltig handeln für die Zukunft der nächsten Generation. Lasst uns ehrlich lernen aus dieser Corona-Situation und notwendige Veränderungen konsequent anstoßen! Für den Bereich der Grundschulen gäbe es da schon einige Möglichkeiten:

  • bedarfsgerechte Lehrerausbildung mit genug Reserven für die Förderung von Schülern  kleinere Klassengrößen für mehr Lernerfolg
  • eine pädagogische Hilfskraft pro Klasse zur Entlastung der Lehrer/innen
  • kleinere wohnortnahe Schulen erhalten
  • professionelle Systembetreuer für die Schulen
  • ein mobiles Leihgerät mit Software (Tablet/Laptop) für jeden Schüler

Für mich ist eines klar: Die Probleme unserer Zeit wird niemals einer allein lösen können. Wir brauchen eine gute Gemeinschaft in der Klasse, im Dorf, in der Stadt, im Landkreis, im Land, in Europa, auf der ganzen Welt. Wir müssen mehr denn je lernen aufeinander zu achten, Egoismus beiseite zu schieben und auf die Natur zu hören. Die herkömmlichen Waffen helfen uns bei Krankheiten, Hungersnöten und Naturkatastrophen nicht weiter. Unsere einzigen wirklich nützlichen Waffen sind das soziale Miteinander und die Bildung. Die Corona-Maßnahmen sind wichtig und wahrscheinlich richtig, aber sie schränken eben auch das soziale Miteinander und die Bildung sehr ein. Die Auswirkungen (Vereinsamung, Depression, psychosomatische Krankheiten, Gewalt, Lerndefizite, soziale Unterschiede…) sind teilweise jetzt schon zu sehen. Wir sollten gemeinsam abwägen, wie viel Gesundheitsschutz nötig ist und wie viel Menschenwürde wir dafür aufgeben. Gerade in Kindergärten und Grundschulen wird das soziale Miteinander angebahnt, gelernt und gestärkt. Diese Kinder müssen Lösungen für unsere Fehler der Vergangenheit finden. Die Einschränkung sozialer Kontakte, Maskenpflicht und Lockdown der Geschäfte und Schulen sind kurzfristige, notwendige Maßnahmen für den Gesundheitsschutz. Allerdings benötigen wir nun auch langfristig, tragfähige Maßnahmen, die nachhaltig und weitsichtig zu Lösungen für den Klimawandel, die Umweltzerstörung und somit auch für die nächsten Pandemien führen. Distanzunterricht kann nur eine Notlösung und keine Dauerlösung sein! Gerade die Grundschüler brauchen Regelmäßigkeit und Verlässlichkeit. Das ständige Hin und Her bei den politischen Entscheidungen zehrt immer mehr an den Nerven der Lehrer, Eltern und Schüler. Das Vertrauen wird verspielt. Gesundheitsschutz ist wichtig, aber Bildung und Gemeinschaft sind für eine lebenswerte Zukunft eben auch wichtig. Es gibt einfache Lösungen, die vernünftig Beides verbinden können und sofort durchsetzbar wären:

  • Der Wechselunterricht bei zu hohen Inzidenzwerten hat sich sehr bewährt. Das heißt: Die eine Hälfte der Klasse ist in der Schule und die anderen bearbeiten zu Hause Übungsaufgaben. Dies geschieht im täglichen Wechsel. So können neue Inhalte gut in Präsenz erklärt werden und der Abstand im Klassenzimmer ist möglich.
  • CO²-Messgeräte in allen Klassenzimmern oder Luftreiniger in Zimmern, wo nicht gelüftet werden kann (ja, das kostet natürlich…, aber wie viel ist uns Gesundheit und Bildung wert?).
  • Mehr Freiraum und Handlungsspielraum beim Stundenplan für die Schulen vor Ort, so dass diese eine Durchmischung der Kinder aus verschiedenen Klassen und wechselnde Lehrkräfte vermeiden können.
  • Bereitstellung kostenloser FFP2-Masken für die Lehrkräfte.
  • Bei Corona-Verdachtsfällen sollten endlich Schnelltests auch für Schulen (…und nicht nur für Fußballer) bereitgestellt werden

Zum Schluss noch einige kurze Klarstellungen:

  • Dies ist nur meine ganz persönliche Meinung und ist sicher nicht die Meinung aller Lehrer!
  • Ich bin weder ein Corona-Leugner, noch ein Maskengegner, aber mir fehlt mittlerweile das Lächeln und die Mimik anderer Menschen, insbesondere im Grundschulunterricht!
  • Wir sind zu mündigen Bürgern erzogen worden und erwarten einen verantwortungsvollen Umgang mit der übertragenen Macht. Daher wünsche ich mir dringend Entscheidungen, die gemeinsam parlamentarisch diskutiert und beschlossen wurden.
  • Diese Entscheidungen sollten gut erklärt werden, nachvollziehbar und durchführbar sein … dann bin ich auch wieder einverstanden…siehe Anfang!

Michaela Janik

"Homeschooling" Bild: M.Janik


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